|
Eindrücke vom Guss der neuen Glocken in Karlsruhe
Am 30. November
erreichte gegen 14.00 Uhr eine Gruppe aus Dippoldiswalde nach über sieben Stunden Bussfahrt die Glockengießerei Albert Bachert in Karlsruhe, um hier dabei zu sein beim Gießen der drei neuen Glocken für
die Dippoldiswalder Stadtkirche.
Nachdem man sich mit Kaffee und Pfefferkuchen gestärkt hatte, erklärte Frau Bachert in anschaulichem Vortrag wesentliches zum Handwerk
der Glockengießerei: Sie sprach von der Geschichte der Glocken überhaupt, und vor allem davon, wie Glocken heute, übrigens fast genauso wie vor fünfhundert Jahren, hergestallt werden: Der Glockengießermeister entwirft zuerst die Glockenrippe,
also das Profil der Glocke in Holz. Diese Arbeit ist schwierig und erfordert die Erfahrung der Familientradition der Glockengießer und natürlich auch Kenntnisse in Physik, damit der Ton der Glocken auf
den sechszehntel Ton genau getroffen mit den entsprechenden Obertönen nach den Vorgaben des Auftragsgebers realisiert wird. Dass der Glockengießer sich dabei genau an die Vorgaben des
Auftraggebers hält ist nötig, damit das klangliche Ergebnis wirklich gut wird. Für Dippoldiswalde beispielsweise waren von den Experten aus Dresden zwei Klangvarianten vorgeschlagen worden. Wichtig
war dabei vor allem, dass die neuen Glocken gut harmonieren mit der alten Taufglocken aus dem 16. Jahrhundert, aber auch mit den Glocken der katholischen Kirche, die in Hörweite sind. Von den
beiden vorgeschlagenen Klangvarianten hatte sich der Kirchenvorstand für die einfacherer und klangschönere entschieden, einen Dreiklang in dis-moll.
Frau Bachert berichtete, wie und aus welchen Materialien die innere Form der Glocke, danach die sogenannte falsche Glocke, und
schließlich die äußere Form hergestellt werden: Lehm vor allem, aber auch Stroh und Kuhmist, Wachs und manches andere werden verwendet. Etwa zwei Monate hatten die Mitarbeiter der
Glockengießerei die Formen gebaut und gebrannt. Nun waren die Glockenformen bereits in der Erde und bereit, die Bronze aufzunehmen.
Glocken werden immer freitags ab 15.00 Uhr, also zur Sterbestunde Jesu, gegossen – so ist es in Deutschland überall Brauch
. Und weil dann immer noch gewartet wird, bis die Bronze so weit ist, ws sich anscheinend nicht genau planen lässt, hatte
auch die Gruppe aus Dipps nun noch genügend Zeit eine interessante und sehr gute Ausstellung in der Firma über das
Glockenwesen zu besichtigen. Wer die allgemein bekannten Sprüche aus Schillers Glockengedicht hier erwartet hatte wurde
vielleicht enttäuscht. Umso bereichernder war, was man erfahren konnte. Vieles war für die meisten Besucher neu.
Beeindrucken beispielsweise ein großes Bild mit einem Glockenfriedhof vom Ende des zweiten Weltkriegs. Tausende
Kirchenglocken standen da abgestellt – auch noch nach Kriegsende. Alle Glocken waren während des Krieges „für
Rüstungszwecke“ abgenommen, dann aber gar nicht eingeschmolzen worden. Hat jemand schützend die Hände über sie
gehalten, dieses Geschehen gebremst? Oder hat jemand die Abnahme der Glocken unnötig forciert? Herrmann Göhring
jedenfalls hatte, wie man lesen konnte, versprochen, dass es nach dem Krieg nicht mehr als zwölf Glocken in Deutschland
geben sollte. Liegt das auf einer ähnlichen Linie wie jener fast zeitgleiche Äußerung Hitlers in einem seiner mit stenografierten
Tischgespräche, als er sinnierte, ob man nicht nach dem gewonnen Krieg den Papst feierlich auf dem Petersplatz in Rom
hängen sollte, oder der den eigentlich verlorenen Krieg fortzusetzen vor sich selbst auch damit rechtfertigte, noch möglichst viele Juden vernichten zu können.?
Zurück nach Karlsruhe. Als es dann so weit war, dass die Bronze die erforderliche Temperatur erreicht hatte, wurden die
Besucher in die große Halle der Gießerei geführt. Es mutete wirklich ein bisschen mittelalterlich an: In der Mitte der große Kessel glühend brodelnder Bronze. Der Ofen über einem
ausgedehnten Erdhaufen, in dem die Formen der Glocken eingegraben sind. Oberirdisch waren Flussläufe in die Erde mit Lehm und Ziegeln geformt, Wege, die die Bronze dann nehmen
sollte auf dem Weg zu den Glockenformen.
Aber noch war es nicht so weit. Der Ofen wurde geöffnet und Zuschläge hineingegeben und alles verrührt. Dann war es so weit.
Der eigentliche Glockenguss sollte beginnen. Die beiden Pfarrer de Gemeinden, deren Glocken gegossen wurden sprachen im Wechsel mit allen anwesenden ein Gebet. Danach gab
Glockengießermeister Albert Bachert den Befehl: „In Gottes Namen – Metall!“ und der Glockenguss sollte beginnen.
Spannend für alle wurde es jetzt auch, weil der Stopfen des Kessels, der zu Beginn des Glockengusses, damit die Bronze austreten kann,
in den Kessel hineingeschlagen werden muss, sich offensichtlich so verkeilt hatte, dass die Glockengießer mehr als fünfzehn Minuten intensiver Arbeit brauchten, um den Bronzefluss in Gang zu bringen.
Schließlich war es dann aber so weit, und dirigiert vom Meister wurde
eine Glocke nach der anderen gegossen, nicht ohne dass die Bibelworte, die die Glocken zieren werden, jeweils laut verlesen wurden. Beeindruckend war die
Professionalität, die Spannung, Reaktionsschnelligkeit und Sicherheit mit der die Glockengießer alles bewerkstelligten und zwischen entstehenden und verlöschenden Feuern (die organischen
Bestandteile der Glockenformen geraten bei Kontakt mit der heißen Bronze in Brand) und zwischen Kanälen und Seen glühender Bronze hin und her liefen. Vieles, auch der viele Rauch und die
Hitze wirkte wie im Mittelalter.
Als die Arbeiten vollbracht waren, fand der Glockenguss mit Fürbitten, Segen, Vaterunser und dem gemeinsamen Lied „Großer
Gott wir loben dich“ seinen Abschluss.
|