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Sonntag, 29. März 2009 17.00 Uhr in der Dippoldiswalder Stadtkirche
Johann Sebastian Bach Johannespassion
Ausführnede: Kantorei und Kammerchor Dippoldiswalde Chorkurs des Glückauf - Gymnasiums Dippoldiswalde Sinfonietta Dresden
Daniela Haase, Sopran; Cornelia Kieschnik, Alt; Ulf Gloede Tenor; Cornelius Uhle und Ekkehart Uhlig, Bass, Leitung: KMD Gunter Brückner
Eintrittskarten zum Preis von 13,00; 10,00 und 8,00 Euro (im Vorverkauf jeweils
2 Euro Ermäßigung,) und für Schüler 3,00 Euro ab 2. März im Pfarramt und an der Abendkasse eine Stunde vor Beginn der Aufführung.
Gedanken zur Johannespassion von Johann Sebastian Bach
1. Zur Geschichte gesungener Passionen im Gottesdienst am Karfreitag
Als am Karfreitag 1724 in einem der Leipziger Hauptgottesdienste die eigens für diesen Anlass komponierte Passio secundum Joannem (d.h. die
Leidensgeschichte Jesu nach dem Bericht des Evangelisten Johannes) zum ersten mal erklang, hörte die Gemeinde ein auch für damalige Verhältnisse an
Umfang, vor allem aber an Qualität, Anspruch und geistlichem Tiefgang ungewöhnliches Werk. Ob jemand ahnte, dass dieses Werk des damals seit
einem knappen Jahr amtierenden neuen Thomaskantors Jahrhunderte später zu den wichtigen Werken musikalischer Weltliteratur und zu einem der am
häufigsten aufgeführten Werke evangelischer Kirchenmusik gehören wird?
Dass in Musik gesetzt die Leidensgeschichte Jesu am Karfreitag gesungen wurde, das war nicht neu. Diese Tradition kommt aus dem Mittelalter, sie
stammt aus dem Brauch der gesungenen Lesungen: Wie man dies heute in einzelnen wenigen Gemeinden noch pflegt – in unserem Raum ist das am
ehesten in der Dresdner Kreuzkirche zu erleben - , dass im Gottesdienst das Evangelium singend gelesen wird, so war dies auch im Mittelalter hier und dort in
Übung. Dabei wurden mitunter, vor allem bei langen Lesungen die wichtigsten Rollen der Lesung auf verschiedene Leser, also singende Priester verteilt.
Gebräuchlich war am Karfreitag der Vortrag der Leidensgeschichte – übrigens am Karfreitag, wie bis heute üblich in der Regel nach Johannes – verteilt auf drei
Lektoren: Der Evangelist in mittlerer Lage, der die fortlaufende Handlung erzählt, wie sie im Evangelium steht; Christus in tiefer Lage, so viel wir ahnen in
feierlicher Weise vorgetragen; die anderen sprechenden Personen und die Stimme des Volkes in hoher Lage, und wenn diese Texte nur gesprochen
wurden, dann mit Absicht gelegentlich auch in roherer Weise und schnell. So gestaltete sich die naturgemäß lange Karfreitagslesung abwechslungsreicher
und lebendiger. Wenn gesungen wurde, dann war es ein liturgischer Sprechgesang, ganz einfachen Tonfolgen, wie sie bis heute beim gottesdienstlichen liturgischen Singen gebräuchlich sind.
Zum Beginn der Neuzeit dann wurde es schöner Brauch, die Worte des Volkes,
der Jünger, der Priester usw. in zunächst einfachen, aber doch schönen kurzen vierstimmigen polyphonen Motetten zu singen, wobei der Chor auch noch einen
Eingangschor („Das Leiden unseres Herren...“) vor der Passionsgeschichte und einen Schlusschor ( „Dank sagen wir alle...“ oder ähnlich) zum Abschluss sang.
In dieser Zeit wurden dann auch auch die Partien von Evangelist, Christus und den anderen Personen, wiewohl die liturgischen Melodien noch die Regel und
deutlich erkennbar blieben, gelegentlich ein wenig im Interesse des Ausdrucks freier und bewegter komponiert. Typisch für diese Epoche ist etwa die relativ
bekannte „Glashütter Passion“, die auch die Dippoldiswalder Kantorei vor einigen Jahren im Karfreitagsgottesdienst gesungen hat. Höhepunkte dieser Art von
Passionen sind die Passionsvertonungen des Dresdner Hofkapellmeisters Heinrich Schütz (1585 – 1672). Selbstverständlich ist in dieser Zeit aber immer
noch, dass am Karfreitag, den Sterbetag Jesu, alle Instrumente in der Kirche schweigen, also ohne jede instrumentale Begleitung gesungen wurde.
1685, hundert Jahre nach Schütz, kamen Händel und Bach zur Welt. In ihrer Zeit klingen Passionen, die natürlich immer noch die gleiche kirchenmusikalische
Funktion haben, erheblich anders als hunertd Jahre zuvor. Man erinnere sich an die Johannespassion des noch ganz jungen Händel aus dem Jahre 1704, die wir
2001 in Dippoldiswalde aufgeführt haben: Die Rezitative des Evangelisten und die Worte Christi sind jetzt ganz frei, den Evangeliumstext gestaltend und auslegend
komponiert und werden mit den Generalbassinstrumenten begleitet. Die Chöre musizieren mit Orchester mit Streichern und Holzbläsern.
Formal musikalisch gesehen ist in den Passionen des 18. Jahrhunderts vieles so ausgeführt, wie es damals auch in der Oper üblich war. Auch das traditionelle
System der Tonhöhen (Jesus tief, Evangelist mittel, andere Personen hoch) wird zunehmend nicht mehr streng verwirklicht. Pilatus und der Hohepriester werden
Bässe, oft tiefer als Jesus gesetzt. Und, das ist vielleicht die erheblichste Veränderung: freie erbauliche oder betrachtende poetische Texte, (auch wieder
formal gesehen fast wie in der Oper als Arien komponiert) bereichern bzw. unterbrechen die Lesung und Handlung, Zeiten der Meditation und Betrachtung
also. Wenig später wird Händel sogar Passionen so komponieren, dass selbst der Evangeliumstext ersetzt wird durch eine freie Nachdichtung, die dem barocken Geschmack der Zeit entsprach.
Letzteren Weg ist Bach nie mitgegangen. Für ihn bleibt es beim Wortlaut der
Evangelisten in der schönen Übersetzung Martin Luthers. Diese Treue zum Evangeliumstext war ihm offenbar besonders wichtig: In der schönen
autographen Partitur seiner Matthäuspassion schreibt Bach die Worte des Evangelisten im Unterschied zu allem anderen mit roter Tinte. Und noch etwas
ist Bach ganz besonders wichtig: Sicher, er macht es so wie damals üblich: der Evangelist singt den biblischen Bericht, ggf. im Wechsel mit andern im
Evangelium vorkommenden Personen. (Gelegentlich auch ausgesprochen virtuos und dramatisch!) Ein freies Recitativ, das schon ein wenig Betrachtung und
Auslegung ist, mag sich anschließen und dann mitunter auf eine längere betrachtende oder anbetende, klagende oder lobpreisende Arie hinführen. Hinzu
kommen aber auch immer wieder die wunderbaren Choräle, also Kirchenliedstrophen, die der Gemeinde damals aus dem Gesangbuch ganz sicher vertraut waren, aber im Bachs vierstimmigen Satz dem Text ganz
kunstvoll folgend - als Gebet, manchmal auch als gedankliche Zusammenfassung eines ganzen Szene. Diese Choräle werden ausgeführt von
allen beteiligten Insturmentalisten und dem ganzen Chor und wahrscheinlich wird damals zu Bachs Zeiten auch das eine oder andere Gemeindeglieder im
Gottesdienst vorsichtig und leise an solchen Stellen ein wenig mitgesungen haben. Denn die Choräle, die Gesangbuchliedstrophen waren das, was der
hörenden Gemeinde vertraut war. Diese Choräle sind durchaus etwas wirklich besonderes in Bachs Werken, und es macht ausgesprochenermaßen Sinn, das
dies durch die Mitwirkung vieler Chrokursschüler unseres Gymnasiums in unserer Aufführung gerade bei den Chorälen unterstrichen wird: In den Chorälen
Bachs hört man die Stimme der versammelten, glaubenden Gemeinde. Ganz wichtig also bei Bach: die Treue zum Bibelwort, die genau durchdachte
Auslegung, die Zusammenfassung im lutherischen Choral als Stimme der versammelten glaubenden Gemeinde. Unstrittig: Bach nutzt die musikalischen
Möglichkeiten, die damals auch in der säkularen Musik modern und gebräuchlich waren, setzt aber ganz bewusst all dies in den Dienst der
Betrachtung, Auslegung, Verinnerlichung des biblischen Wortes und der Anbetung Jesu Christi.
Natürlich wird die Hörfähigkeit des Menschen durch Bachs Oratorien sehr gefordert. Man musste damals ja auch nicht in den Hauptgottesdienst in St.
Thomas oder St. Nicolai in Leipzig gehen, es gab an den hohen Festtagen in Leipzig reichlich andere, einfacherer Gottesdienste. Aber Bach wollte denn
schon für den jeweiligen Hauptgottesdienst am Sterbetag Jesu zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gemeinde etwas ganz besonderes schaffen!
Natürlich haben wir modernen Menschen es oft zunächst nicht ganz einfach, Zugang zu Bachs Passionen zu finden. Sich in die Musiksprache Bachs
einzuhören ist für manchen, der die plakativen, simplen, lautstarken und schnellen Effekte der modernen Unterhaltungsmusik gewohnt ist, nicht ganz so
einfach. Hinzu kommt, dass vieles an Begriffen, Metaphern, Redewendungen, theologischen Begriffen im Text, aber auch manches musikalische, was zu
Bachs Zeiten zum allgemeinen Wissen und Verständnis in Leipzig gehörte (man bedenke, dass auch sonst jeden Sonntag Kantaten des Thomaskantors gesungen wurden!), uns heute begreiflicherweise fremder ist.
Und doch, wer erst einmal mitgesungen hat, wer Bach beginnt zu verstehen, wer sich zumindest mit offenen Herzen dieser Musik nähert, der hat die große
Chance, reich beschenkt zu werden und mitunter von solcher Musik nicht wieder lassen zu können.
2. Die Deutung des Leidens und Sterbens Jesu durch den Evangelisten Johannes: die Verherrlichung Jesu in und durch sein Leid
Als der Evangelist Johannes vielleicht im Jahre 90 nach Christi Geburt, also im
zeitlichen Abstand von bald 60 Jahren zum historischen Geschehen, über das Leben Jesu, seine Botschaft und auch über sein Leiden, seine Hinrichtung und
auch seine Auferstehung schreibt, da war über diese Geschehnisse schon viel in den urchristlichen Gemeinden erzählt, berichtet und nachgedacht worden, in der
ersten Zeit in den Urgemeinden in Jerusalem und sicher auch in Jesu Heimat Galiläa. Zunächst geschah solches Erzählen, Auslegen und Aktualisieren der
Botschaft wohl im wesentlichen ohne schriftliche Dokumente, waren doch die Augen- und Ohrenzeugen des Geschehens in der Gemeinde anwesend und
konnten selbst berichten, auslegen und erklären. Und die meisten der Apostel, wenn nicht alle, waren menschlich geurteilt einfache Leute: Fischer vom See
Genezareth oder Handwerker oder Bauern. Klug waren sie ohne Zweifel, aber ihre Art der Kommunikation war wohl eher das gesprochene Wort - und nicht in erster Linie geschriebener Text.
Dann Jahrzehnte später, als die Augenzeugen durch das Martyrium oder eben auch durch die natürliche Alterung immer weniger verfügbar waren, und als
spontane oder wachsende Auslegung die alten Berichte zu überwuchern drohten, brauchte es schriftliche Berichte über Jesu Botschaft: Eine heute halbwegs
noch aus den Evangelien zu rekonstruierende Sammlung der Reden Jesu wurde vergleichsweise zeitig wohl in Galiläa zusammengestellt, dann um 70 nach
Christi Geburt schreibt der Evangelist Markus wahrscheinlich zum ersten mal ein „Evangelium“, also ein Buch, das die Botschaft von Jesus verkündet, indem es
diese Botschaft an biografischen Stationen entlang unter Verwendung überlieferte Stoffe verkündet. Markus war damals, zu der Zeit als Jerusalem
gerade von den Römern belagert wurde, wohl die Geschichte von Jesu Leiden in dieser Stadt besonders wichtig. Und er beschreibt sie mit einigem Realismus.
Als letzter der vier Evangelisten schreibt - wiederum 20 Jahre später - Johannes
sein Evangelium. Gut vorstellbar ist, dass er bei seinen Lesern die Kenntnis der älteren Evangelienbücher, die des Markus, Matthäus und Lukas wenigstens
teilweise voraussetzen kann. Aber das hindert ihn – sicher mit voller Absicht und Aufrichtigkeit - nicht, gerade auch die Leidensgeschichte Jesu in einem neuen
Licht erscheinen zu lassen, im Licht seines starken Glaubens. Natürlich wusste damals jeder, wie grausam die Kreuzigungsstrafe war. Jeder konnte das immer
wieder erleben, wie die römische Obrigkeit Menschen an Holzkreuzen angenagelt hängend sich selbst zu Tode quälen ließ. Technisch war diese
Methode für die Vollstrecker mit geringem Aufwand verbunden. Aber der Effekt eines Todeskampfes unter schlimmsten Qualen langsam erstickend war
gesichert. Furchtbar wurden Arme und Brustkorb durch die Körperlast auseinandergezogen. Der gekreuzigte, brutal angenagelt und vorher grausamst
ausgepeitscht wird immer wieder schmerzhaft gegen die Atemnot angekämpft haben, bis er schließlich an Ersticken oder Herzversagen starb. Niemand hat
dies je überlebt. Und das alles geschah dazu noch öffentlich und zum Gespött, zur Abschreckung und zur Belustigung der Leute.
Das alles wusste natürlich auch Johannes, der Evangelist. Und er will nicht
bestreiten, wie furchtbar das war, auch für Jesus. Aber darüber hinaus erkennt er im Leiden Jesu für die Seinen gerade die Herrlichkeit seines Herrn. „Es gibt
keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Johannes 15, 13) lässt er Jesus an anderer Stelle in seinem Evangelium sagen,
und beten lässt er ihn zu Beginn seines Leidensweges (Joh 17, 1) „Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht“.
Ein ungewöhnlicher Gedanke: Die Herrlichkeit Gottes gerade im Leiden Jesu! Dies ist ein zentrales Anliegen des Evangelisten Johannes! Sicher, er weiß, und
seine Leser wissen es, dass Jesus im Garten Getsemane inständig gebetet hatte, dass dieses Leiden doch, wenn irgend möglich an ihm vorüber gehen soll
(wie es die anderen Evangelisten berichten), und Johannes weiß, dass Jesus am Kreuz furchtbar geschrieen und sogar den Satz gerufen hat „Mein Gott, warum
hast du mich verlassen“ (immerhin ein Gebet - Psalm 22). Und Johannes wusste sicher auch, dass Judas Jesus mit einem Kuss verraten hatte und dann die
Dinge ihren unerbittlichen Lauf nahmen. Aber er sieht das Geschehene von seinem Glauben an den auferstandenen Herrn her doch anders, in neuem Licht.
Und so ist der Leidensbericht des Johannes eben auch anders als die der der anderen, früheren Evangelisten geschrieben, nicht um diese zu korrigieren,
sondern um eine noch tiefere Sicht daneben zu stellen: Jesus bleibt trotz allem der Herr des Geschehens. Schon bei der Szene seiner Festnahme, mit der Bach seine Passion nach
Johannes beginnen lässt, ist es Jesus, der auf das Festnahmekommando zugeht und diese Leute anspricht „Wen sucht ihr?“ Sie antworten: „Jesus von
Nazareth.“ Und auf Jesu Wort, dass er es sei, fällt das ganze Festnahmekommando sogar sogleich zu Boden, nachdem sie erst einmal
zurückgewichen sind. Historisch vorstellbar ist das kaum, unter historischem Gesichtspunkt vorzuziehen sind hier die Berichte der anderen Evangelisten –
aber eine wirklich bemerkenswerte Auslegung ist diese Sicht des Johannes auf jeden Fall. Und diese Sicht hält Johannes durch, bis zum Ende der Passionsgeschichte:
- Nur damit die Schrift erfüllt würde, sagt Jesus am Kreuz, dass er Durst habe. - Kein Knochen wird ihm gebrochen, ihm der wie das Passalamm und zur
Stunde der Schlachtung der Passa- lämmer stirbt, denn es war damals Vorschrift, dass kein Knochen des Passalammes gebrochen werden darf.
- Und er stirbt mit den hoheitsvollen Worten: „Es ist vollbracht“ – nicht mit „Mein Gott warum hast du mich verlassen!“ (auch das war übrigens ein Gebet, Worte
aus dem 22. Psalm) – wie es die anderen Evangelisten überliefern. - Als Jesus gestorben ist, fließen „Blut und „Wasser“ aus seinem Körper –
sicher zunächst einmal als Test der Soldaten gemeint, als Versicherung dass der Hingerichtete wirklich tot ist, dass das Blut des gestorbenen sich schon in
Serum und rote Blutbestandteile getrennt hat, oder dass das Blut und die durch die Erstickung gesammelte Lungenflüssigkeit herausfließen. Aber für Johannes
deutet sich hier mehr an: Abendmahl und Taufe - blut und Wasser werden den Glauben stärken. Dabei – und darauf legt Johannes ganz entscheidenden Wert -
Jesus war Gottes Sohn, das Lichter der Welt, zugleich und gerade aber auch ein richtiger, natürlicher Mensch. Seine ganze Person war wirklicher Mensch. „Das
(göttliche) Wort wurde Fleisch“ – heißt es am Anfang seines Evangeliums. “Und wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des Vaters voller gnade und Wahrheit”.
3. Bachs großartiges Werk – einzigartige Umsetzung der Intentionen des Evangelisten Johannes
Johann Sebastian Bach hat dies alles offensichtlich bemerkt und erkannt.
Während der Eingangschor seiner Markuspassionsvertonung beginntmit den Worten „Geh, Jesu, geh zu deiner Pein, ich will solange dich beweinen”, und
die großartige Matthäuspassion überlagert vom Choral „O Lamm Gottes unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet“ anhebt „Kommt, ihr Töchter
(gemeint ist die Gemeinde), helft mir klagen“, beginnt Bachs Johannespassion textlich gesehen fast triumphal: „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen
Landen herrlich ist! Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden
bist!” Bemerkenswert, wie Bach dies musikalisch gestaltet: Über schmerzvoll lastendendem Bass erheben sich immer mehr die Sechszehntelbewegung der
Violinen, die gelegentlich schon etwas leicht triumphales andeuten und zunehmend in den Vordergrund treten (Figuren, die später der Chor mit dem
Wort „verherrlicht“ aufgreifen wird), darüber freilich wiederum ein zweistimmiges Liniengewebe von Flöten und Oboen mit scharfen Vorhaltsdissonanzen, bis
schließlich der Chor einsetzt „Herr, Herr, Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist“. Bach hat sich in das Passionsverständnis des
Evangelisten Johannes eingedacht und es genial umgesetzt: „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist...”
Übrigens hat Bach um diesen anspruchsvollen Eingangschor offenbar sehr gerungen, hat ihn in den Aufführungen folgender Jahre durch andere
Kompositionen ersetzt, und hat schließlich doch gerade diesen Satz wieder verwendet.
Nach diesem Eingangschor beginnt die Handlung des Passionsberichtes. Bach
setzt also mit Jesu Gefangennahme, also dem Beginn des 18. Kapitels des Johannesevangeliums ein. Wie schon erwähnt scheint allein Jesus die Initiative
des Geschehens zur haben, Judas steht geradezu wie ein Statist neben der Szene, während die Diener der Hohenpriester und Pharisäer und die römische
Verhaftungskohorte nur – in Bachs Interpretation ziemlich hektisch – antworten. Und auf das Stichwort hin, das Jesus sagt: „Ich hab´s euch gesagt, daß ich´s
sei; suchet ihr denn mich, so lasset diese gehen!“ schließt Bach wie oben erklärt, eine auslegende Strophe aus dem Gesangbuch an: “O große Lieb´, o
Lieb´ ohn alle Maße, die dich gebracht auf diese Marterstraße! Ich lebte mit der Welt in Lust und Freuden, und du mußt leiden!“: Die Stimme der glaubenden Gemeinde der Gegenwart.
Im Wechsel von Rezitativen, in denen der Passionsbericht erzählt wird, von Arien, in denen betrachtet und ausgelegt wird und von assoziativ oder
zusammenfassenden eingefügten Chorälen schreitet die Betrachtung der Passionsgeschichte nun voran. Jesus wird im Palast des Hohenpriesters verhört.
Mit dem Bericht von der Verleugnung des Petrus, einer Arie dazu („Ach mein Sinn, wo willt du endlich hin“) und dem Choral „Petrus, der nicht denkt zurück... „
endet der erste Teil der Passion, der vor der Predigt gesungen wurde.
Der zweite Teil, ungleich umfangreicher, dramatischer und vielfältiger folgte nach
der Predigt: Verhör vor Pilatus, dem Statthalter der römischen Besatzungsmacht. Dramatisch und bewegend, wie Bach die Gefühle,
Verstrickungen bis hin zur Verleugnung wichtiger eigner Ideale durch die Hohenpriester („Wir haben keinen König, außer dem Kaiser...“) und den
Fanatismus („Kreuzige ihn!“) des Volkes und der Hohenpriester, sowie den Spott der Soldaten darstellt. Hier ist Bachs Komposition ganz unbestritten absolute
Spitze. Und doch, Jesus bleibt verhalten – und souverän. Die grausame Handlung schreitet fort, Jesus wird gekreuzigt - zur Stunde der Schlachtung der
Passalämmer im Tempel, sein Untergewand – ohne Naht, wie das Obergewand des Hohenpriesters, wird nicht geteilt. Der glaubende erkennt: Hier stirbt, opfert
sich als Hoherpriester, als Opferlamm der Sohn Gottes. Großartig wie Bach den letzten Worten Jesu „Es ist Vollbracht“ mit der berühmten Altarie „Es ist vollbracht! ...Der Held aus Juda siegt mit Macht und schließt den Kampf. Es ist
vollbracht!“ nachgeht. Und als über Jesu schließliches Sterben berichtet wird, folgt dann keine konventioneller barocker Trauergesang, sondern als Arie gestaltet ein Gebet zum
- aus der Sicht der Versammelten Gemeinde schon auferstandenen geglaubten - Christus „Mein teurer Heiland, laß dich fragen, ... Bin ich vom Sterben frei
gemacht? Kann ich durch deine Pein und Sterben Das Himmelreich ererben? Ist aller Welt Erlösung da? Du kannst vor Schmerzen zwar nichts sagen, Doch
neigest du das Haupt Und sprichst stillschweigend: ja.“ - zugleich verbunden mit dem Choral „Jesu, der du warest tot, lebest nun ohn´ Ende. In der letzten
Todesnot, nirgend mich hinwende als zu dir, der mich versühnt. O du lieber Herre! Gib mir nur, was du verdient, mehr ich nicht begehre!“
Mit den Nummern 61 und 62 („Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriß...“)
nimmt Bach übrigens Gedanken auf, die nicht im Johannesevangelium sondern nur bei den anderen Evangelisten vorkommen: Das Zerreisen des Vorhanges des
Tempels, das Erdbeben und die allgemeine Totenaufstehung – Metaphern für die eschatologische Erlösung, die durch Jesu Opfertod geschieht. Nach einer nun
doch noch den gestorbenen Jesus betrauernden Arie „Zerfließe mein Herze...“ – man stelle sich die beispielsweise trauernde Mutter vor – folgt noch, nur durch
einen Choral bereichert, der Bericht von der Grablegung Jesu und dann der Schlusschor. Ein letzter, beeindruckender Choral mit Ausblick auf die endgültige Erlösung im Reich Gottes beschließt die Passion:
„Ach Herr, laß dein lieb´ Engelein Am letzten End´ die Seele mein
In Abrahams Schoß tragen; Den Leib in sein´m Schlafkämmerlein Gar sanft, ohn´ ein´ge Qual und Pein, Ruh´n bis am jüngsten Tage! Alsdann vom Tod erwecke mich, Daß meine Augen sehen dich
In aller Freud´, o Gottes Sohn, Mein Heiland und Genadenthron! Herr Jesu Christ, erhöre mich, Ich will dich preisen ewiglich“
E.U.
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